?Lindsey Vonn bewegt sich im Grenzbereich“

Die spektakul?re Rückkehr von US-Star Lindsey Vonn in den alpinen Skizirkus hat Diskussionen ausgel?st – nicht nur in Bezug auf die sportliche Konkurrenzf?higkeit der 40-J?hrigen. Prof. Tobias Renkawitz (48), der nach Jahren als ?rztlicher Direktor der orthop?dischen Uniklinik Heidelberg im November als neuer Direktor und Ordinarius des orthop?dischen Lehrstuhls am Asklepios Klinikum Bad Abbach in seine Oberpf?lzer Heimat zurückgekehrt war, ordnet im Interview die medizinischen Aspekte ein.
Lindsey Vonn beim Ski Weltcup 2017 in Garmisch-Partenkirchen.
Foto: Stefan Brending / Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA-3.0 de
Herr Prof. Renkawitz, das Comeback von Lindsey Vonn sorgt für enormes Aufsehen. Sie startet mit einer Teilendoprothese, einem Kniegelenkersatz. Das erstaunt viele.
Tobias? Renkawitz: Lindsey Vonn ist sehr offen mit ihrer Krankengeschichte umgegangen, hat die Operation, einzelne Behandlungsschritte und sogar R?ntgenbilder selbst auf sozialen Medien detailliert dokumentiert. Insofern kann ich als orthop?discher Chirurg über das Verfahren eine Einsch?tzung treffen. Bei ihr wurde der ?u?ere Anteil des Kniegelenks mit einer Teilprothese versorgt, h?ufiger bei den Patienten ist es der innere Anteil des Gelenks.
Welche Beschwerden sind urs?chlich dafür, solch einen Eingriff vorzunehmen?
Renkawitz: Voraussetzung ist natürlich eine genaue Untersuchung und Diagnose im individuellen Einzelfall. Grunds?tzlich sollte man mit einem Kunstgelenk nur das ersetzen, was auch tats?chlich zerst?rt ist und im Alltag zu Schmerzen und dauerhaften Bewegungseinschr?nkungen führt. Der Teilgelenkersatz ist ein sehr erfolgreicher Eingriff, Patienten kommen danach viel schneller auf die Beine. Eine Operation sollte aber grunds?tzlich immer der letzte Schritt sein.
Welche Ma?nahmen kommen vor einem Eingriff in Betracht?
Renkawitz: Bewegungstherapie, Gelenktraining, Salben, Medikamente, Nahrungserg?nzungsmittel oder vereinzelt auch spezielle Spritzen ins betroffene Gelenk: Es ist ein ganzer Strau? von M?glichkeiten, die infrage kommen. Erst wenn gar nichts mehr anderes hilft und tats?chlich eine Arthrose gesichert ist, sollte man über das Thema Gelenkersatz sprechen.
Bei Lindsey Vonn, die in ihrer Karriere diverse schwere Knieverletzungen erlitten hatte, war das offenbar der Fall. Aber kann man anschlie?end in den Hochleistungssport zurückkehren?
Renkawitz: Mit der richtigen Operationstechnik kann man heute bereits wenige Stunden nach einem Gelenkersatz schmerzfrei wieder die ersten Schritte machen. Die OP bei Frau Vonn wurde robotisch assistiert durchgeführt. An der Klinik für Orthop?die der Universit?t Regensburg in Bad Abbach haben wir im letzten Jahr mit einem Robotiksystem der neuesten Generation die erste Patientin in Bayern universit?r erfolgreich operiert. Das neue Operationsverfahren haben wir aus Heidelberg mitgebracht, und es ist mittlerweile bei uns, neben der Navigationstechnologie, Standard. Computerassistierte, personalisierte Chirurgie, so lautet die ?berschrift.
Dazu braucht es aber spezielle Kenntnisse. Deswegen sollten diese Eingriffe an spezialisierten Zentren durchgeführt werden. Ich m?chte allerdings nicht empfehlen, Frau Vonn zum Vorbild zu erkl?ren und zu suggerieren, dass es unproblematisch ist, mit einem derartigen Implantat sogar wieder Leistungssport zu betreiben.
Warum?
Renkawitz: Die Kunstgelenke sind – trotz Hightech-Material – nicht für die Anforderungen des Profisports konzipiert. Bei sto?- und schockartigen Belastungen bewegt man sich in einem kritischen Bereich. Durch die gro?en Belastungen wird die Haltbarkeit des Implantats beeintr?chtigt. Au?erdem besteht natürlich immer das Risiko zu stürzen, dann kann sich ein Implantat auch schneller lockern.
Sie sehen also Vonns Comeback sehr kritisch?
Renkawitz: Zumindest würde ich sagen, dass sie sich in einem absoluten Grenzbereich bewegt. Aus meiner Betreuung im Spitzensport und von Olympiasiegern wei? ich aber: Als Profi hat Frau Vonn zweifelsohne einen ganz anderen Fitnesszustand als Amateursportler, sie genie?t zudem eine intensive medizinische Rundumbetreuung. Insofern sind die Voraussetzungen bei ihr natürlich andere als bei vielen Patienten – das angesprochene hohe Risiko bleibt dennoch.
Zusammenfassend: Was sagen Sie Ihren Patienten, die mit einem Implantat wieder Sport treiben m?chten?
Renkawitz: Mit der richtigen OP-Technik, mit unseren Hightech-Verfahren der Robotik und Navigation sowie dem richtigen Konzept ist es heutzutage m?glich, auch mit einem künstlichen Knie- oder Hüftgelenk wieder in den Sport einzusteigen. Das trifft sogar auf das angepasste Skifahren zu. Ich rate allerdings dazu, die Belastung moderat zu gestalten oder moderate sportliche Disziplinen auszuüben – am besten solche, die man vor dem Eingriff schon technisch beherrscht hat.
Interview: Heinz Gl?ser
Quelle: Mittelbayerische Zeitung, 14.2.2025